Die Liebesfähigkeit

Die Liebesfähigkeit

Posted by Redaktion in Allgemein 19 Nov 2020

Die Aufklärung des Phänomens Liebe ist von großer Bedeutung für das gesamte Leben, das Lebensglück und die psychische Gesundheit.

Die Fähigkeit zu lieben ist keine Selbstverständlichkeit und ist nicht automatisch mit der körperlichen Ausreifung der Geschlechtsorgane da. Man muss als Kind Liebe erfahren haben, um seine Liebesfähigkeit und sein Vertrauen in die Umwelt ausreichend entwickeln zu können.

In seinem ersten Lebensjahr lernt das Kind, seiner Umwelt und seinen nächsten Bezugspersonen entweder zu vertrauen oder zu misstrauen. Hat das Kind gelernt, seiner Umwelt zu vertrauen, kann es auch liebend auf sie zugehen. Hat es gelernt, seiner Umwelt zu misstrauen, entwickelt es Abwehrreaktionen, um sich vor enttäuschenden Erfahrungen zu schützen (z.B. Rückzug vor anderen Menschen).

„Das in Liebe angenommene und freie Kind kann sein Selbst entfalten und erproben, ohne sich zu manipulieren. Dieses Kind ist offen für alles Erleben, es kennt keine Tabus und erfährt seine Sinne, entwickelt volle Sinnlichkeit und ist bereit, Liebe zu geben, ohne etwas zu erwarten, zum Beispiel ein Lob, ein Geschenk oder nur das Vermeiden von Angst. Die Liebesfähigkeit sollte schon voll entwickelt sein, wenn die Geschlechtsreife einsetzt. Die Sexualität kommt dann als neue Erlebnismöglichkeit hinzu.

Sehr wichtig für die Entwicklung der Liebesfähigkeit ist die Offenheit der Sinne. Liebe ist ein sinnliches Erlebnis und entwickelt sich nicht über den Verstand.

Liebe und Selbstbewusstsein

Bei vielen Menschen ist die Liebe mit Begierde verbunden: Wer liebt, möchte den Menschen, den er liebt, besitzen. Doch Liebe in einer gesunden Beziehung akzeptiert die Unabhängigkeit des anderen. Jeder sucht Nähe in einer Beziehung, doch in einer gesunden Beziehung, in der man keine permanente und tiefliegende Angst vor Verlust des Partners hat, kann man auch ertragen, dass der Partner noch ein autonomes Selbst hat, um ein gesundes Verhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem nach Distanz zu finden. Dazu ist ein gesundes Selbstbewusstsein sehr wichtig. Das Selbstbewusstsein hängt zentral mit den vergangenen Liebeserfahrungen und der daraus resultierenden gegenwärtigen Liebesfähigkeit zusammen. Das Selbst kann nur stark und selbstbewusst werden, wenn das Kind sich von den Eltern angenommen fühlt, ohne Einschränkung seiner Lebendigkeit aus Angst vor Liebesentzug.

Man kann Selbstbewusstsein nur entwickeln, wenn man die Möglichkeit bekommt, sich selbst bewusst zu werden. Selbstbewusstsein ist wichtig für die Liebe. Sucht man in einer Partnerschaft das fehlende Selbstbewusstsein, ist das zum Scheitern verurteilt, denn man braucht permanente Selbstbestätigung, damit man dieses angebliche Selbstbewusstsein aufrechterhalten kann.

Eine reife Liebe braucht Individualität und ein autonomes Selbst.

Liebe und Macht

Der Mensch, der sein Selbst und seine Liebesfähigkeit nicht richtig entfalten konnte, strebt häufig vor allem danach, geliebt zu werden oder sich für die Liebe aufzugeben, denn nur so kann er seine Angst vor dem Leben, vor Trennung und dem Alleinsein gering halten. Die Angst ist der Gegenpol der Liebe. Angst und Liebe stehen in Beziehungen eng beieinander, durch unverarbeitete Kindheitstrauma, nicht angenommen zu sein.

Im Kontext der Liebe und von Sexualität sollte Angst viel eher als ein Phänomen, das mit der Beziehung zu tun hat, betrachtet werden. Sie spielt sich zwischen den Personen und nicht in ihnen ab. Die Angst nimmt je nach Art der Schwierigkeiten, die ein Paar miteinander hat, verschiedene Verkleidungen an. „In intimen Beziehungen kann Angst unter dem Deckmantel des hilflosen Opfers erscheinen oder sich als wohlwollender Tyrann zu erkennen geben. In anderen Situationen trägt sie die Maske der Missbilligung oder das Gesicht eines gehorsamen Kindes, das um jeden Preis gefallen will.  Dies ist der Schlüssel zum Verständnis, warum manche Beziehungen zu einem Machtkampf ausarten. Jeder verfolgt das Ziel, in seiner Form über die Beziehung zu herrschen. Doch Liebe kann nicht berechnet werden. Entweder wird die Liebe freiwillig gegeben, oder die Beziehung verkommt zu einer Farce.

Der Zusammenhang von Liebe und Angst

Es gibt zwei zentrale Ängste in einer Beziehung: Die Verlustangst und die Angst davor, vom Partner verschlungen zu werden. Angst ist auch einer der Hauptursachen, dass Beziehungen oft zu einem Machtkampf werden, in dem die Partner gegenseitig versuchen den anderen zu beherrschen, um damit entweder die Angst vor Verlust des Partners oder vor dem Verschlungenwerden durch den Partner zu bewältigen.

Jeder Mensch hat gesunderweise ein Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Intimität, aber auf der anderen Seite auch nach Autonomie. Daraus resultieren einerseits die Angst vor Einsamkeit und Verlassenwerden und als Gegenpol die Angst vor Vereinnahmung. Beide sind untrennbar.

Von der Gesellschaft wird dem Mann eher die Angst vor der Vereinnahmung und der Frau die Angst vor dem Verlassenwerden zugeschrieben. Hier stellt sich zu Recht die Frage, inwieweit kulturelle Geschlechterrollenerwartungen auch das Rollenverhalten in einer Beziehung prägen. Um Intimität und Nähe zu erzeugen, muss man sowohl das Bedürfnis nach Nähe, als auch die Autonomie des jeweils anderen anerkennen. In einer gesunden Beziehung ist das Verhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem nach Distanz ausgewogen.

Schein und Wirklichkeit

Eine große Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit setzt die Erwartungen an die Zweisamkeit einem verheerenden Irrtum aus: Das Ideal der überaus romantischen Liebe ohne Grenzen wird tagtäglich in Filmen, der Werbung und zahlreichen anderen Medien verbreitet. Es wird die Überzeugung genährt, dass die Erfüllung des Lebens in der Beziehung zu finden sei, und die Vorstellung wird vermittelt, dass Liebe etwas sei, das in Überfülle vorhanden ist. Doch in der Praxis stellt sich meist heraus, dass Liebe etwas ist, das nur knapp vorrätig ist und nicht ewig dauert und dass nach dem ersten Hoch des Verliebtseins der Alltag kommt, der bewältigt werden will.

Solange die Liebe noch ausreichend vorhanden ist, kann der Glaube an die Beziehung noch relativ leicht aufrechterhalten werden, trotz gelegentlicher Hindernisse. Doch die wenigsten sind sich bewusst, dass eine langandauernde und glückliche Beziehung nur dann möglich ist, wenn man bereit ist, mit seinem Partner Konflikte (die unweigerlich auftreten, wenn zwei Menschen eine enge Beziehung eingehen) auszutragen, auch wenn das manchmal „harte Arbeit “ ist und in keiner Form dem Ideal der alles überwindenden Liebe entspricht.

Es ist wichtig, die Beziehung als eine kontinuierliche Entwicklung zu sehen, in der es kein Zurück zu einer früheren Phase der Beziehung (z.B. der Phase des ersten Verliebtseins) gibt.

Gestörte Liebesformen bzw. gestörte Nähe-Distanz

  1. Angst vor Nähe bzw. Selbsthingabe
    Es geht bei dieser gestörten Liebesform um Personen, die übermäßige Angst vor Nähe haben. Nähe aktiviert bei ihnen Angst, die ihren Ursprung in früh in der Kindheit erlebten enttäuschenden Beziehungserfahrungen hat. Entweder haben sie einen häufigen Wechsel der Bezugsperson oder den Verlust der Bezugsperson in der frühen Kindheit erlebt. Um weitere Enttäuschungen zu vermeiden, ziehen sie sich emotional zurück und vermeiden nun ihrerseits jede enge Bindung. Jede Nähe aktiviert wieder ihre Angst vor dem Verlassenwerden. Kein Wunder, dass für sie Lieben und Geliebt werden als extrem bedrohliche Angelegenheit empfunden wird. Die mit einer Liebesbeziehung verbundene Nähe können sie sich nur als ein sich ausliefern und als Abhängigkeit verstehen. Sie suchen, um sich zu schützen, die größtmögliche Distanz zu anderen Menschen.
  2. Angst vor Selbständigkeit
    Für Personen, die Angst davor haben selbständig zu sein, ist das wichtigste Liebe, lieben wollen und Geliebt werden. Für sie bedeutet Nähe Sicherheit und Geborgenheit. Auch hier ist die Verlustangst dominierend, doch diese wird bei entstehender Distanz aktiviert. Manchmal reichen schon einfache Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten aus, um die Angst zu aktivieren. Ursache sind enttäuschende Beziehungserfahrungen in der Kindheit. Die enttäuschende Erfahrung (z.B.: sie wurden von der Bezugsperson verlassen oder vernachlässigt) versuchen sie nun, als Erwachsener zu kompensieren, in dem sie sich für eine Beziehung völlig aufopfern. Sie versuchen sich unentbehrlich zu machen, um nicht verlassen zu werden. Sie sind auf ihren Partner angewiesen und brauchen so viel Nähe wie möglich. Distanz ist gleichbedeutend mit Verlassen- und Alleingelassen werden. Abhängigkeit gibt Sicherheit, und Eigenständigkeit und Unabhängigkeit aktivieren Verlustangst. Um sich vor dieser Angst zu schützen, suchen sie die größtmögliche Nähe.
  3. Angst vor der Vergänglichkeit
    Die Sehnsucht nach Dauer ist eine sehr frühe und gehört zum Wesen des Menschen dazu. Die verlässliche Wiederkehr des Gewohnten und Vertrauten ist ist für die kindliche Entwicklung ausgesprochen wichtig. Es ermöglicht die Entfaltung spezifisch menschlicher Eigenschaften wie Gefühlen und Liebesfähigkeit, und es ermöglicht die Entwicklung von Vertrauen. Bei zwanghaften Menschen ist das Streben nach Dauer und Sicherheit übermäßig stark. Sie vermeiden Änderungen jeder Art. Verändert sich etwas, aktiviert das bei ihnen Angst, die sie versuchen zu vermeiden. Ursache sind Erfahrungen in der Kindheit. Es kann sein, dass sie ein Elternhaus hatten, das ihnen keine Verlässlichkeit bieten konnte, oder aber auch das genaue Gegenteil, ein Elternhaus in dem starre und zwanghafte Regeln vorherrschten.

    Solche Menschen haben Angst, es würde Chaos ausbrechen, sobald sie die Kontrolle lockern. Liebe als ein irrationales Gefühl, das sich zu unkontrollierbarer Leidenschaft steigern kann, muss für zwanghafte Menschen ein zutiefst beunruhigendes Gefühl sein. Sie versuchen alles unter eigener Kontrolle zu haben, was bei einem so starken Gefühl wie der Liebe nahezu unmöglich ist.

  4. Angst vor dem Endgültigen
    Diese Personen streben nach Veränderung und Freiheit. Sie bejahen alles Neue und wollen sich nicht festlegen. Ursprung sind Fehlentwicklungen in der Kindheit. In der Phase, in der das Kind beginnt in die Welt der Erwachsenen hineinzuwachsen, Gebote und Verbote lernt und sein Selbstbewusstsein entwickelt, braucht das Kind Vorbilder für seinen Selbstentwurf. Vorbilder, die ihm die Welt der Erwachsenen als erstrebenswert erscheinen lassen. Haben sie das nicht, ist auch ihr Selbstwert unterentwickelt. Sie suchen in einer Beziehung die Steigerung des Selbstwerts durch den Partner. Sie lieben die Liebe und versuchen in ihr, ihre Erlebnisqualität zu steigern, die sie über sich selbst hinaus wachsen lässt. Die Liebe des Partners dient nur dazu, ihren Selbstwert zu steigern.

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